Redebeitrag zum Frauen*kampftag 2020

Mackertum und männliches Dominanzgehabe sind kein spezifisches Problem der politischen Linken, sondern allgemein ein Ausdruck patriarchaler Herrschaftsverhältnisse [1]. In der Linken ist das Fortbestehen solcher Machtverhältnisse allerdings besonders ärgerlich, denn diese stehen im Widerspruch mit den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen. Eben diese Ansprüche müssen immer wieder in der Theorie ausdiskutiert und reflektiert werden, um neue Aspekte und Entwicklungen in der Praxis zu berücksichtigen und zu beeinflussen.

Viele verstecken sich aber hinter dieser Maske der Reflexion – vor anderen und vor sich selbst. Werden sie damit konfrontiert, fühlen sie sich angegriffen in ihrer politischen Identität. Dass diese Identität alles andere als widerspruchsfrei ist, zeigt sich wiederum im Alltag. Immer noch sind Aufgaben ungleich verteilt und gerade Aufgabenbereiche, die szeneintern Prestige einbringen, sind häufig männlich dominiert. Das gilt zum Beispiel für Öffentlichkeitsarbeit, Demoleitung und Redebeiträge. Dieses Machtgefälle entsteht teilweise auch, weil Männer sich diese Bereiche sozialisationsbedingt selbstverständlich aneignen. Auch in Diskussionen und auf Plena müssen sich Frauen* durchzusetzen wissen, um nicht ungehört zu bleiben [2].

Ungehört bleiben auch oft die Schilderungen sexueller Übergriffigkeit, deren Existenz in der linken Subkultur einen der größten Widersprüche darstellt. Obwohl sich prinzipiell gegen die patriarchale Unterdrückung ausgesprochen wird, treten die gleichen Verdrängungsmechanismen wie im Rest der Gesellschaft auf: „Sexisten sind immer die anderen.“ In diesem Sinne werden die Täter geschützt, wenn es das eigene Umfeld
betrifft. „Das kann ich mir bei ihm ja gar nicht vorstellen“ ist eine häufige Reaktion, um das Thema der sexualisierten Gewalt zu beenden [3].

In den frühen 1990er Jahren entstanden feministische Antifa- oder Frauen-Antifa-Gruppen (Fantifa) [4], meist als Reaktion auf den fortgesetzten Sexismus in männlich dominierten Antifa-Zusammenhängen. Durch diese Auseinandersetzungen wurden einige Veränderungen angestoßen und heute herrscht ein größeres Bewusstsein für die Problematik. Auch haben Fantifa-Gruppen Szenediskurse bereichert, indem sie Zusammenhänge zwischen faschistischer und antifeministischer Ideologie [5] in Vergangenheit und Gegenwart in den Blick nahmen. Heute gibt es kaum noch fantifa-Gruppen [6], auch wenn die Kämpfe weitergeführt werden. In der radikalen Linken gibt es auch in der jüngeren Vergangenheit viele feministische und queerfeministische Zusammenschlüsse, aber diese agieren meist parallel zu Antifa-Strukturen. Diese Kontexte wieder zusammenzudenken sollte Teil jeder Antifa-Arbeit sein, um einen gemeinsamen antifaschistischen und feministischen Kampf zu führen.

„Antifa heißt Angriff“ – aber eben nicht nur. Militanz spielt in der Antifa immer auch eine Rolle, weil Gewalt beispielsweise gegen Nazis durchaus berechtigt und notwendig sein kann. Allerdings darf diese nicht zum Militanz-Fetisch verklärt werden – auch, weil dieses Bild den Alltag von Antifa-Gruppen verzerrt abbildet. Dieser besteht eben zum Großteil nicht aus Straßenschlachten, sondern aus Recherche, Bildungsarbeit und Vernetzung. Die Aneignung von Militanz gerade von weiblichen* Aktivistinnen kann ein emanzipatorisches Mittel sein und die männliche Hegemonie angreifen. Dabei soll jedoch die Aneignung militanten Handelns nicht zur notwendigen Bedingung für Anerkennung werden. Gerade im Zusammenhang mit militantem Handeln ist es besonders wichtig, Räume der Reflexion zu schaffen. Oft werden sich noch gegenseitig Heldinnengeschichten erzählt und Gewalt zur Selbstinszenierung genutzt, wo eigentlich eine gemeinsame Aufarbeitung belastender Gewalterfahrungen nötig wäre [7].

Die Aneignung „männlicher“ Verhaltensformen und Strategien darf nicht in bloße Reproduktion abrutschen und sollte nicht hinter den eigenen emanzipatorischen Ansprüchen zurückbleiben. Militanz allein ist nicht der Weg zur Befreiung. Dennoch werden gerade Machtstreben und Aggressivität, also männlich konnotierte Eigenschaften, aufgewertet. Kooperationsbereitschaft, Offenheit für Kritik und die Bereitschaft, einander zuzuhören, welche in der gesellschaftlichen Wahrnehmung als „typisch weibliche“, weiche Verhaltensweisen gelten, werden abgewertet oder nicht beachtet. Insbesondere wenn wir feministisch miteinander streiten [8], sollten wir an diesen Umgangsformen, die zudem Selbstreflexion und Weiterentwicklung ermöglichen, festhalten.

Viele Kämpfe wurden bereits geführt, und wir können auf der Arbeit unserer feministischen Vorgängerinnen aufbauen. In unserer Gruppe haben wir aktuell genug Raum, um uns intensiv mit feministischen Themen auseinandersetzen zu können, auch wenn wir keine fantifa-Gruppe sind. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit und bedarf stetiger Reflexionsprozesse über Aufgabenverteilung und Kommunikation.

Wir sehen, dass eine harmonische und gleichberechtigte Zusammenarbeit möglich ist und können dies als Erfolg feiern. Genauso wie die Frauenkampftags-Demo am 08.03.2020 in Wiesbaden, für die wir diesen Redebeitrag verfasst haben.

Demobericht vom Frauenkampftag 2020 in Wiesbaden:

Die Organisation wurde im Vorfeld von FLINT-Aktivistinnen übernommen und diese haben so auch am Demotag selbst alle essenziellen Aufgaben wie Anmeldung, Kommunikation, Moderation, Lauti fahren und Tontechnik übernommen. Darüber hinaus wurden alle Redebeiträge von weiblich* Personen geschrieben und gehalten. Unter anderem vertreten waren Beiträge zu Themen wie Gender(pay)gap und Alltagssexismus, sowie Berichte vom Frauenmuseum [9] und zur Situation weiblicher* Geflüchteter vom Flüchtlingsrat [10] und ein Spendenaufruf für die Gerichtskosten eines Opfers sexualisierter Gewalt [11]. Den Abschluss bildete ein eindrücklicher Bericht zum Stand der körperlichen Selbstbestimmung – oder eher Fremdbestimmung von Frauen in Deutschland [12].

Ausblick: Frauenkämpfe in Zeiten von Corona:

Diese Themen sind trotz oder gerade wegen der momentanen Situation immer noch aktuell und sind essenziell für die Umstrukturierung unserer Gesellschaft. Die körperliche Selbstbestimmung und das Recht auf Schwangerschaftsabbruch dürfen nicht im Zuge der Pandemie-Bestimmungen eingeschränkt werden [13]. Auch die Unterbezahlung und Überarbeitung des Pflege- und Gesundheitssektors, der immer noch – oh Wunder – zu 70-80% von Frauen gestemmt wird, sollte uns an der Gerechtigkeit und scheinbaren Gleichberechtigung in dieser Gesellschaft zweifeln lassen. Auch sind Frauen, die in ständiger Gefahr häuslicher Gewalt leben, aus der sie vorher zumindest für ein paar Stunden fliehen konnten, nun mit ihren Tätern bis auf weiteres eingesperrt. Dass Frauenhäuser ihren Betrieb und die Aufnahme teilweise einschränken müssen und gleichzeitig mit einem krassen Anstieg häuslicher und sexualisierter Gewalt rechnen, darf nicht weiter im Hintergrund der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bleiben [14]. Macht jeden Tag zum Frauenkampftag – auch von der Couch aus – seid solidarisch und lasst euch nicht unterkriegen!!!


Weiterführende Links / Vortragsempfehlungen:
 Patsy l’Amour laLove: Beißreflexe – Eine kritische Betrachtung des queeren Aktivismus
https://youtu.be/VGnlFbaS5sU (Stand: 28.03.2020).
 Christine Zunke: Frauenhirne – wie ideologischer Unsinn zur wissenschaftlichen Tatsache wird
https://youtu.be/Bk9c8eg2AAo (Stand: 28.03.2020).
 Leben wir (noch) im Patriarchat? – Ein Vortrag von KOSCHKA LINKERHAND
https://youtu.be/Ku2MVbSxDR8 (Stand: 25.03.2020).
 Ricarda Lang: Feindbild Klimaschützerin
https://youtu.be/Vlu0-NnpD-0 (Stand: 28.03.2020).

———-
[1] Zur Einführung in den Begriff und die Kritik des Patriachats:
Koschka Linkerhand: Eine materialistische Kritik des Patriarchats
https://www.youtube.com/watch?v=s2b0kIsa7bo (Stand: 28.03.2020).
[2] Wundervoll zusammengefasst vom Antifa-Frauenblock-Leipzig:
http://www.afbl.org/categories/1/papers/10 (Stand: 28.03.2020).
[3] Falls ihr es euch nicht von einer Frau sagen lassen wollt, hört zumindest mal ihm zu: Violence against women—it’s a men’s issue: Jackson Katz at TEDxFiDiWomen
https://youtu.be/KTvSfeCRxe8 (Stand: 28.03.2020).
[4] Zur Geschichte der fantifa-Bewegung: Herausgeber_innenkollektiv: Fantia. Feministische Perspenktiven antifaschistischer Politiken. Edition Assemblage, Münster 2013.
[5] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/rechtsextremismus-rechtspopulismus-und-gender/ (Stand: 29.03.20)
[6] Eine Ausnahme bilden etwa die Genoss*innen der fantifa Frankfurt: https://fantifafrankfurt.wordpress.com/eine-seite/ (Stand: 29.03.20)
[7] Vgl. https://antifaundmaennlichkeit.wordpress.com/2018/01/24/worum-gehts/#more-38 und weitere Literaturhinweise: https://phase-zwei.org/hefte/artikel/militanz-ohne-mythen-654/ und https://www.akweb.de/ak_s/ak534/02.htm (Stand: 29.03.20)
[8] Lesetipp: Koschka Linkerhand (Hrsg.), 2018: Feministisch streiten: Texte zu Vernunft und Leidenschaft unter Frauen. Querverlag
[9] https://www.frauenmuseum-wiesbaden.de/ (Stand: 28.03.2020).
[10] http://www.fluechtlingsrat-wiesbaden.de/ (Stand: 28.03.2020).
[11] https://www.rote-hilfe.de/news/ortsgruppen/97-frankfurt-m/1032-spendenaufruf-antisexistisches-engagement-gegen-einen-uebergriffigen-lehrenden (Stand: 28.03.2020).
[12] https://www.selbstbestimmt-steril.de/erfahrungsberichte/ (Stand: 28.03.2020).
[13] Der Spendenaufruf: https://www.rote-hilfe.de/news/ortsgruppen/97-frankfurt-m/1032-spendenaufruf-antisexistisches-engagement-gegen-einen-uebergriffigen-lehrenden
[14] https://taz.de/Frauenhaeuser-in-der-Corona-Krise/!5668969/ (Stand: 28.03.2020).