{"id":4804,"date":"2021-03-07T18:13:14","date_gmt":"2021-03-07T17:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/?page_id=4804"},"modified":"2021-05-02T16:42:09","modified_gmt":"2021-05-02T14:42:09","slug":"judenhaus-adolfsallee-30","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/rundgang\/judenhaus-adolfsallee-30\/","title":{"rendered":"&#8222;Judenhaus&#8220; &#8211; Adolfsallee 30"},"content":{"rendered":"\n<p>Das 1886 errichtete Haus war eines von sch\u00e4tzungsweise 42 bis 53 so genannten \u201eJudenh\u00e4usern\u201c in Wiesbaden. Dabei handelte es sich um Immobilien, welche j\u00fcdischst\u00e4mmigen Besitzer:innen durch Enteignung genommen wurden. Anschlie\u00dfend wurden von den Nazis als \u201eJuden\u201c Verfolgte in diese H\u00e4user zwangsumgesiedelt. Sie lebten in diesen H\u00e4usern unter engsten Bedingungen bis zu ihrer Deportation. Der Zweck solcher H\u00e4user war es, die Kontrolle \u00fcber die j\u00fcdischen Einwohner:innen zu erleichtern und gleichzeitig andernorts Wohnraum f\u00fcr Nichtj\u00fcd:innen zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Adolfsallee30-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4950\" width=\"500\" height=\"372\"\/><figcaption><em>Das Haus in der Adolfsallee 30 heute.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die rechtliche Grundlage hierf\u00fcr wurde 1939 mit dem Gesetz \u00fcber die \u201eMietverh\u00e4ltnisse mit Juden\u201c geschaffen. Die r\u00e4umliche Ballung erm\u00f6glichte ein hohes Ma\u00df von \u00dcberwachung durch die Gestapo, also die \u201egeheime Staatspolizei\u201c, und weitere Repression, so zum Beispiel Ausgehverbote und das Verbot von Radios.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem spezifischen Haus lebten seit 1920 der j\u00fcdische Rechtsanwalt Arnold Kahn, seine Frau Dorothea und Sohn Werner. Sie bekamen schon bald nach der Macht\u00fcbernahme der NSDAP die zunehmende Repression zu sp\u00fcren: Zwar war Arnold als \u201edekorierter Frontk\u00e4mpfer\u201c im 1. Weltkrieg zun\u00e4chst noch von dem im April 1933 erlassenen Berufsverbot f\u00fcr j\u00fcdische Rechtsanw\u00e4lte ausgenommen. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde ihm aber bereits das Notariat entzogen. Er durfte ab 1937 gar nicht mehr praktizieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sein Sohn Arnold erlebte in der Gutenbergschule den zunehmenden Antisemitismus von Mitsch\u00fcler*innen und offiziellen Stellen. Er berichtet sp\u00e4ter von seinen Erinnerungen von folgendem Erlebnis:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eIch denke auch an einen Lehrer. Leider wei\u00df ich den Namen nicht mehr. Ich war in der Quinta, und er war mein Lehrer in Franz\u00f6sisch. [\u2026 ] Eines Tages hatten wir irgendeine Feier in der Turnhalle, und es wurden die \u00fcblichen Nazilieder gesungen (wenn Judenblut vom Messer spritzt und alle Pfaffen tot sind, usw.) Nach der Feier hatten wir Franz\u00f6sisch, und der Lehrer kam w\u00fctend in die Klasse und machte sehr starke Aussagen gegen diese Lieder, das damalige Deutschland und die Nationalsozialisten. Am n\u00e4chsten Tag bekamen wir einen anderen Lehrer. Wir haben ihn nie wieder gesehen.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Familie Kahn plante seit 1934 ihre Emigration in die USA, konnte diese aber erst 1937 umsetzen. Das Haus in der Adolfsallee wurde von Dorothea Kahns Eltern \u00fcbernommen: dem ehemaligen Bankangestellten Felix Kaufmann und seiner Frau Johanna, genannt Jenny.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Umzug nach Wiesbaden war das Ehepaar speziellen Abgaben und Einschr\u00e4nkungen durch das Finanzamt ausgesetzt. 1938 wurde Felix Kaufmann ohne Ank\u00fcndigung der Zugriff auf sein Konto verwehrt. Die finanzielle Lage zwang ihn dazu, die Wohnungen in seinem Haus unter staatlichen Auflagen zu vermieten. J\u00fcdinnen und Juden wurden mittlerweile kaum noch von nichtj\u00fcdischen Vermieter:innen akzeptiert. Daher sammelten sich j\u00fcdische Menschen h\u00e4ufig bereits unter beengten Zust\u00e4nden in H\u00e4usern, die noch in j\u00fcdischem Besitz waren.<\/p>\n\n\n\n<p>1942 zog das \u201eDeutsche Reich\u201c dann das gesamte Verm\u00f6gen der Familie Kaufmann ein. Am 28. Juni 1943 beantragte das Wiesbadener Finanzamt schlie\u00dflich die offizielle \u00dcberschreibung dieses \u201eJudenhauses\u201c an das \u201eDeutsche Reich\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der hier lebenden J\u00fcdinnen war Lina Neu. Ab M\u00e4rz 1942 lebte sie in einem Zimmer im Erdgeschoss der Adolfsallee 30. Wenige Tage vor der ihr angeordneten Deportation nach Theresienstadt nahm sie sich am 26. August 1942 in ihrem Zimmer in der Adolfsallee das Leben, indem sie Gift schluckte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reaktion des Oberfinanzpr\u00e4sidenten in Kassel zeigt wiederum die Unmenschlichkeit des b\u00fcrokratischen Betriebs, der auch solche Ereignisse bis aufs Letzte ausnutzte. Er vermerkt zu Linas Tod:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p><em>\u201eAuf Grund des \u00a71 der VO des Herrn Reichspr\u00e4sidenten zum Schutze von Volk und Staat vom 28. 2. 1933 beschlagnahme ich hiermit mit Wirkung vom 1. 8. 1942 die gesamten inl\u00e4ndischen Verm\u00f6genswerte folgender Juden, die nach Er\u00f6ffnung der Evakuierungsvfg. verstorben sind: Neu, geb. Weisenfeld, Lina Sara, geb. 11. 1. 67, zuletzt in Wiesbaden Adolfsallee 30 wohnhaft, verstorben am 26. 8. 1942.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-1024x614.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4947\" width=\"500\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-1024x614.jpg 1024w, https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-300x180.jpg 300w, https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-768x461.jpg 768w, https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-1536x921.jpg 1536w, https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-2048x1228.jpg 2048w, https:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2021\/05\/Stolpersteine-Adolfsallee-634x380.jpg 634w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption><em>Stolpersteine vor dem ehemaligen &#8222;Judenhaus&#8220; in der Adolfsallee 30.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn wir genau hinschauen, sehen wir hier vorm Haus auch die Stolpersteine, die an das Ehepaar Kaufmann erinnern sollen.&nbsp; Das Haus wurde den \u00dcberlebenden der Familie erst 1949 zur\u00fcck\u00fcberschrieben. Die Stadt f\u00fchrt es aufgrund seiner Architektur repr\u00e4sentativ als \u201eKulturdenkmal\u201c. Seine Geschichte als sogenanntes \u201eJudenhaus\u201c wird aber weder hier noch an anderen betroffenen H\u00e4usern sichtbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Audioerkl\u00e4rung zur Stadtrundgangsstation &#8222;&#8218;Judenhaus&#8216; Adolfsallee 30&#8220;:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"http:\/\/ki-wi.website\/stadtrundgang\/wp-content\/uploads\/sites\/2\/2019\/11\/5._Judenhaus_Adolfsallee_30_final.mp3\"><\/audio><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das 1886 errichtete Haus war eines von sch\u00e4tzungsweise 42 bis 53 so genannten \u201eJudenh\u00e4usern\u201c in Wiesbaden. Dabei handelte es sich um Immobilien, welche j\u00fcdischst\u00e4mmigen Besitzer:innen durch Enteignung genommen wurden. Anschlie\u00dfend wurden von den Nazis als \u201eJuden\u201c Verfolgte in diese H\u00e4user zwangsumgesiedelt. 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